Die Überwindung einer grossen Furcht

furcht01Die erste Begehung des Triftgletschers

Lange Zeit war der Triftgletscher sehr gefürchtet. Es war sogar verboten, ihn zu überqueren.

Der Sage nach gab es im 18. Jahrhundert einen begehbaren Weg vom Wallis ins Gadmertal. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts betraten jedoch nur Gemsjäger und Kristallsucher die Gletschergegend. Während der Franzosenkriege flüchteten einige Leute aus dem Gadmertal über den Trift- und Rhonegletscher ins Wallis, was als absolute Verzweiflungstat galt.

Selbst ein mutiger Forscher sei 1839 von der Grimsel her nur bis zum Ursprung des Rhonegletschers vorgedrungen. Den Reisenden wurde vom Galenstock aus immer die graue Untiefe gezeigt, in welcher Heinrich Echs von Wasserwende seinen Tod fand. Er habe zu verbotener Zeit Schafe aus dem Wallis über den Triftgletscher getrieben, eine Schneebrücke stützte nicht und er fiel in einer Gletscherspalte zu Tode. Fünf von acht Guttannern, die den Mann aus seinem Eisgrab holten, mussten diese Tat drei Tage lang mit dem Verlust des Augenlichtes bezahlen.

Gottlieb Studer (1804-1890) reizte es schon länger, diese geheimnisvolle Welt zu erforschen. Zudem glaubte er, den Wissenschaftlern eine neue Möglichkeit für ihre Forschungen eröffnen zu können. Da er überzeugt war, dass Gegenden, die als "schauerlich" und unzugänglich gelten, oft mit Leichtigkeit zu besiegen sind, startete er 1839 sein Vorhaben:

Auf der Suche nach einem zuverlässigen Begleiter stiess er auf Johann von Weissenfluh. Zusammen mit dessen 14-jährigen Sohn nahmen sie den Weg auf sich. Sie stiegen auf der linken Talseite zügig hinauf. Nach einer guten Stunde sahen sie bereits den mächtigen Triftgletscher. Es schien, als ob er jedes Weiterkommen verhindern könnte. Rechts neigte sich ein Felsrücken gegen den Gletscher - die Windegg, die sie nach drei Stunden erreichten. Vor ihnen lag nun der Triftgletscher, welcher sich bis zum Horizont zog. Sie stiegen hinab auf den Gletscher. Da er kein starkes Gefälle aufwies, war ein Übergang möglich, jedoch schwierig. Dank grösster Vorsicht kamen sie bald in der Alphütte im Graaggi an.

furcht02Am nächsten Morgen machten sie sich früh auf den Weg. Der Gletscher - vom nächtlichen Regen spiegelglatt - konnte nur mit Fusseisen betreten werden. Nach zwei Stunden erreichten sie eine Höhe, die von der Windegg aus als die höchste schien. Sie zeigte sich aber als erste Stufe, hinter der sich der Gletscher kilometerbreit ausbreitete. Die weit offenen Spalten, welche die Firnfelder durchzogen, schienen unendlich tief. Angeseilt erreichten sie in fünf Stunden das höchste Firnjoch. Von da an ging es sanft abwärts über festen Firn. Als der Firn langsam der harten Eisfläche wich, hatten sie den obersten Teil des Rhonegletschers erreicht. Vorsichtig umgingen sie tiefe Spalten und überquerten ihn. Endlich erkannten sie die Gerstenhörner und betraten festen Boden. Nach einigen Umwegen - der Nebel liess sie die Orientierung verlieren - kamen sie auf dem Grimselhospitz an.

Nun war bewiesen, dass der Triftgletscher begehbar ist - Studer hatte sein Ziel erreicht. Dank seines sorgfältigen Reiseberichtes mit nützlichen Tips wagten sich immer mehr Reisende, den Triftgletscher zu begehen. Die jahrelange Angst wurde langsam überwunden.