"Auch etwas aus unseren Bergen"

Auszug aus der "von Weissenfluh-Chronik"

Heinrich Egger, ein lidenschaftlicher Jeger, starken Kerperbaus und beherzt, doch mit den hohen Gebirgsrevieren zu wenig bekannt, kam am 11ten November letzthin zu minem Sohn Johann, um auf die Gemsenjagd nach dem Triftgebiet zu gehen; mine Söhne witreten Gefahr, der Schnee-Lauenen halb; der Föhn hatte etliche Tage vorher die Trift stark angeblasen. Egger suchte andre Kameraden, namentlich zwey uns ganz Verwandte, Heinrich von Wissenfluh und Kasper Streich, beide im Ahori. Egger kam am 13ten vor Tag in's Ahori; die im Ahori weigerten sich, endlich aber giengen sie mit.

Der Ausflug gieng auf den Drosistock; Egger und Wissenfluh stiegen auf den Stock, während der Streich vom Morgen her, oder Drosigletscher, die Gemsen antrieb. Streich hörte Schüsse im fernen, aber mitler Zit rückt der Abend an; dem Streich wird bang; er ruft; er wartet; die Nacht bricht an, - kein Lut; nur sin leerer Schall kommt zurück; nur Nacht und Totenstille; sine Kameraden kamen nicht.

Streich lauft in's Thal und bringt Kunde über das Vorgefallene; die Verwandten kommen zu minen Söhnen, um nachzusuchen. Sechzig Mann schlossen sich an, und in der Nacht vom 14ten auf den 15ten kamen die Leute hinauf. Es erzeigte sich bald, dass die Jeger einen Föhn-Schild abgetreten, zu einer grossen Laue geworden und die Jeger begraben; Der Laue-Schnee war an verschiedenen Stellen bis 14 Fuss. Nirgends keine Spur: erst um Mittag stiess man auf die Lichen: sie lagen nebeneinander, die Stöcke krampfhaft in Henden, Gewehr und Waidtasche am Rucken. Der Schnee, wo sie bedeckte, mag acht Schuh hoch sin; wahrscheinlich haben die Jeger wegen der Nacht geeilt, sich auf den Hindern gesetzt, um schnell hinunter zu rutschen, wobei die Rinde vom Schnee, das dem Föhnschnee eigen ist, zersprungen, grossartig auf vielen Punkten losgerissen und in die Tiefe geschleudret.

Die Lichen wurden den Ihrigen in das Haus gebracht; es sind beide Familienväter, Wissenfluh von 7, Egger von 3 Kindern, aber keiner arm.
Die Berge fordern von Zit zu Zit ihre Opfer; wer da umher wandelt, bricht oft Unglicksblumen. Gott behüte uns vor derglichen Unglicksfällen!

Diese Geschichte erzählt übrigens auch Fred Jaggi auf der CD "Gadmertal: Gschicht u Gschichti".